Der Videobeweis – nicht nur aus Gladbacher Sicht gehört er abgeschafft

Natürlich: Als Gladbachfan ist man auf den Videobeweis seit Anfang Dezember besonders schlecht zu sprechen. Um die Misere seitdem mal kurz zusammenzufassen: Gegen Schalke wurde der Elfmeter durch das Foul an Stindl aufgrund eines vermeintlichen Fouls von Wendt eine halbe Minute zuvor zurückgenommen. Im brisanten Derby in Köln sorgte ein nicht gegebener Elfmeter nach einem Foul an Hofmann beim derzeitigen Stand von 1:1 für Aufruhr, denn statt einer Niederlage hätte es den Derbysieg geben können. Im Heimspiel gegen Augsburg beeinflusste der Videobeweis zwar nicht den Ausgang des Spiels, zeigte aber trotzdem seine eklatanten Mängel auf: Opare zog Raffael am Trikot, der sonst alleine auf Hitz zugelaufen wäre – klare Notbremse. Steinhaus zeigte jedoch nur die gelbe Karte und ließ ihre Entscheidung mit dem Videobeweis überprüfen. Für mich war im Stadion sofort klar, dass es eigentlich nur zwei Alternativen geben konnte, und zwar entweder, das Foul zurückzunehmen oder die „Arschkarte“ zu ziehen. Foul und gelbe Karte kam aufgrund der Spielsituation eigentlich nicht in Frage, doch Steinhaus blieb nach dem Studium durch den Videobeweis bei ihrer Entscheidung. Im gleichen Spiel blieb ein Eingreifen des Videobeweises nach doppeltem Handspiel von Baier im Sechzehner aus. In Frankfurt (0:2-Niederlage) ließ ein Eingreifen des Videobeweises bei einem brutalen Tritt von Rebic gegen Herrmann beim zwischenzeitlichen 0:0, der nur mit Gelb bestraft wurde, vergebens auf sich warten und auch ein elfmeterwürdiges Foul Boatengs an Vestergaard (zwischenzeitlich 0:1) ahndete der Videoschiedsrichter in Köln nicht. Zuhause gegen Dortmund hätte Oxford früh gelb-rot sehen müssen und in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit hätte es nach einem Halten von Sokratis gegen Vestergaard Elfmeter geben müssen. Ähnlicher Verlauf beim 2:2 zuhause gegen Bremen: hier hätte Zakaria mit gelb-rot vom Platz fliegen müssen und der Videoschiedsrichter hätte eingreifen müssen, als Benjamin Cortus aufgrund eines Handspiels kurz vor der Torlinie von Eggestein nicht auf den Elfmeterpunkt zeigte.

Um das klarzustellen: Nichts davon entschuldigt das schlechte Auftreten der Mannschaft in den letzten Wochen und diese Fehlentscheidungen sollen nicht als Ausrede für die schwache Punktausbeute in letzter Zeit sein, denn dafür sind auch die Verletztensituation, schwache Leistungen der Mannschaft und Fehler des Trainers verantwortlich, aber das ist ein anderes Thema. Dass der Videobeweis zuletzt nicht gerade der beste Freund von Gladbach war und sich negativ auf Gladbachs Ergebnisse ausgewirkt hat, ist jedoch Fakt. Die gerade beschriebene lange Liste von Fehlentscheidungen soll aber vor allem eins verdeutlichen: dass der Videobeweis den Fußball entgegen der Aussagen der Funktionäre nicht unbedingt gerechter macht. Natürlich stehen den Fehlentscheidungen zahlreiche korrekte Eingriffe und Berichtigungen gegenüber, die nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, doch jedem, der die Bundesliga verfolgt, sollte klar sein, dass der Videobeweis in der momentanen Ausführung noch zu oft falsch oder nicht eingreift. Was zudem auffällt: die oben genannte Aufzählung der Fehlentscheidungen bezieht sich lediglich auf Spiele von nur einem Bundesliga-Verein im Zeitraum von Anfang Dezember bis Anfang März. Würde man das auf die ganze Saison mit allen Spielen aller Vereine ausweiten würde, könnte man die Liste wahrscheinlich um ein Vielfaches erweitern.

Dass der Videobeweis den Fußball – schlimmer noch – sogar ungerechter machen kann, zeigt ausgerechnet das Heimspiel unseres Erzrivalen gegen Hannover am 23. Spieltag und die durch den Videobeweis entstandene Doppelmoral. So wurden Terodde und Zoller wegen einer angeblichen Abseitsposition fälschlicherweise zurückgepfiffen und dadurch zwei Großchancen von Köln vereitelt. Der Videobeweis kann hier ja nicht eingreifen, da dies Tatsachenentscheidungen waren (die Großchancen können ja nicht rekonstruiert werden). In der Nachspielzeit wurde dann Pizarros Tor zum 2:1 aufgrund einer knappen Abseitsstellung des Flankengebers Risse zurückgenommen. Die Doppelmoral also: einerseits bei zwei Fehlentscheidungen gegen die Kölner keine Möglichkeit zur Korrektur, andererseits Berichtigung der Fehlentscheidung, die nun den Kölnern zugunste gekommen wäre.

Doch selbst, wenn wir all das ausblenden und davon ausgehen würden, dass der Videobeweis den Fußball tatsächlich nur gerechter machen würde, bleibe ich der Meinung, dass der Fußball dadurch unattraktiver wird. Seit Einführung bzw. seit Beginn der Testphase des Videobeweises macht mir persönlich das Fußballgucken weniger Spaß als vorher, besonders wenn ich im Stadion bin. Denn wenn Gladbach nun ein Tor aus einer vermeintlichen Abseitsposition herausschießt, dann traut man sich ja jetzt gar nicht mehr, sich über das Tor zu freuen, weil man ja weiß, dass der Videobeweis wahrscheinlich noch eingreift. Für die „Perfektion“ des Fußballs wird hier also das Nehmen der Grundlage des Fan-Seins, und zwar der Emotionen in Kauf genommen.

Oft genanntes Argument der Befürworter und Funktionäre ist zudem, dass durch den Videobeweis Extremsituationen, wie z.B. ein Abstieg durch eine Fehlentscheidung, vermieden werden könnten. Grundlage hierfür wäre jedoch zuerst, dass der Videobeweis erst zu 100% gerecht ist, was er zurzeit eben nicht ist (siehe oben). Außerdem behaupten viele, Glück und Pech würden sich über große Zeit eh ausgleichen und der Videobeweis würde hier nur künstlich eingreifen. Doch ich möchte mein Augenmerk nochmal auf eine andere Extremsituation legen. Dafür ist ein im Moment realitätsfernes Gedankenspiel notwendig: Angenommen, Schalke und Dortmund spielen im Revierderby in der Relegation um die erste Liga (Revierderby soll nur die Brisanz in diesem Gedankenspiel verstärken; alternativ kann man sich natürlich andere realitätsnähere Derbys vorstellen, wie z.B. Köln gegen Düsseldorf oder nächste Saison Hamburg gegen Bremen😉); das Hinspiel geht 0:0 aus, das Rückspiel auf Schalke steht bis zur 90. Minute 1:1, Dortmund würde in die erste Liga aufsteigen. Schalke schießt in der Nachspielzeit das alles entscheidende Tor zum 2:1, was sie vor dem Abstieg in die zweite Liga retten würde; die Schalker Fans mit ungebändigten positiven Emotionen und super erleichtert. Jetzt stelle man sich vor, der Videobeweis würde eingreifen und das Tor zurücknehmen, ergo: Dortmund steigt auf und Schalke ab. Die Emotionen auf den Rängen schlagen schlagartig um und was dann in der Kurve bei den eh schon DFB-feindlichen Ultras, aber auch bei den anderen Fangruppen abgehen würde, will man sich lieber gar nicht vorstellen. Hierbei spielt nicht mal eine Rolle, ob der Videobeweis fälschlicherweise eingreifen würde oder nicht, die Schalker Fans würden das Stadion so oder so auseinandernehmen.

Insgesamt ist aber vor allem verwerflich von der DFL und dem DFB, dass sie mit dem Videobeweis vor allem gegen den mehrheitlichen Willen der Fans in Deutschland und damit auch seinen eigenen Fans (in der Politik würde man den hier sehr gut passenden Begriff „Basis“ verwenden) handeln würden. Und die Meinung, der Videobeweis gehöre abgeschafft, ist keineswegs mehr die alleinige Meinung der Ultras, sondern mittlerweile zu einer Mehrheitsmeinung der „Basis“ des DFB geworden. Wenn man mal im Stadion aufmerksam darauf achtet, sind nicht nur die „Ihr macht unser´n Sport kaputt!“-und „Fußballmafia DFB!“-Gesänge auffällig, sondern eben auch die sarkastischen Imitationen der Videobeweisgeste des Schiedsrichters auf der Tribüne bei passender Situation oder die abfälligen Kommentare zu demselben in der Schlange vor der Toilette oder vor dem Bierstand in der Halbzeit. Ich behaupte, dass man in den Bundesliga-Stadien außerhalb der VIP-Logen kaum mehr einen positiven Kommentar zum Videobeweis zu hören kriegt. Und diesem mehrheitlichen Willen seiner „Basis“ arbeitet der DFB entgegen.

Darum: Der Videobeweis macht den Fußball nicht gerechter, nimmt den Spaß und die Emotionen am Sport und die Verantwortlichen arbeiten gegen den Willen ihrer Fans. Der Videobeweis gehört abgeschafft!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Die Borussia veröffentlicht nach jedem Heimspiel eine Spotify Playlist mit den im Stadion gespielten Liedern.
Die Borussia hatte erst 3 Trainer aus dem Ausland (Advocaat, Luhukay, Favre).
In Borussias Telefonnummer ist das Gründungsjahr vorhanden (01806-18|1900|)
Uwe Kamps ist seit dem 1. Juli 1982 bei Borussia Mönchengladbach im Dienst.
Der höchste Sieg der Vereinsgeschichte wurde am 8. August 1965 beim Freundschaftsspiel gegen den FC Enzen mit 30:1 eingefahren.
Ex-Borusse Wolfgang Kleff wurde ohne einen einzigen Einsatz Welt- und Europameister.