Sagt mir liebe Bayernfans…

Tickets für ein Testspiel einer B-Elf (Bayern München) gegen eine C-Elf (Paris St. Germain) kosten 75 Euro. Jeder durchschnittliche Profi wird für gefühlt 50 Millionen verkauft. 20-Jährige fahren nach einer halben guten ersten Profisaison mit einem Benz aufs Trainingsgelände. Trainer werden im Monatstakt entlassen. Manche Spieler driften ins Modebusiness ab oder qualifizieren sich für eine Karriere als Schauspieler. Die Fußballgötter sterben aus. Vereine tragen Markennamen. Der Fußball distanziert sich vom Volkssport, den Fans fehlt das Identifikationspotenzial. Es ist eine Entwicklung, die man kaum mehr aufhalten kann, der Stein ist bereits im Rollen, es sind die treuen Anhänger, denen der Stein zur Last fällt. Es gibt zahlreiche Vereine, die bei diesem Trend mitziehen, die Entwicklung pushen und eben jenen Stein noch weiter anschubsen. Und es gibt Borussia Mönchengladbach.

Das diesjährige Trainingslager am Tegernsee stellte eine Akkumulation stiller Proteste dar, Aktionen die auf so sympathische Weise den Titel „the beautiful game“ begründeten, dass es schon fast provokativ wirkte, wo doch nur wenige hundert Kilometer weiter in Klagenfurt der FC Bayern nahezu gleichermaßen provokant die derzeitigen Entwicklungen im Fußball perfekt zur Schau stellte und Tickets für ein Testspiel mit A-Jugendtrainingsspielcharakter für beschauliche 75 Euro vertickte. Borussia ist anders. Und wir sind stolz drauf.

Alle hatten sie Zeit nach dem Training, nahezu keinen Autogrammwunsch ließen die Spieler offen. Auch nach dem Spiel wurden fleißig Fotos gemacht, Trikots verschenkt, Unterschriften gesammelt. Die Kinder warteten auf der Aschenbahn direkt am Platz, keine Zaunabsperrung wie bei manch anderen Gästen am Sportgelände des FC Rottach-Egern war zu sehen, jede Trainingseinheit war öffentlich. Nachmittags traf sich dann Dieter Hecking mit einer kleinen Runde Fans im Restaurant Malerwinkel direkt neben dem Mannschaftshotel zum gemeinsamen Stammtisch, es wurde viel diskutiert, viel gefragt, viel geantwortet und viel gelacht.

Noch eindrucksvoller verbildlichte das Fanfest wie Fannähe geht. Die zahlreich angereisten Borussenfans – pro Trainingseinheit circa 400 Zuschauer (bei RB Leipzig waren es 32: Tradition siegt!) – saßen bei Hackbraten und Bier gemeinsam an den Biertischen und diskutierten und grölten Fanlieder. Der Mannschaftsbus kam, ein gutes halbes Dutzend Spieler steigt aus und setzt sich zwischen die Fans, mitten rein. Und so saßen die zahlreich angereisten Borussenfans und die Spieler bei Hackbraten und Bier gemeinsam an den Biertischen und diskutierten und – naja hörten den Fanliedern jedenfalls zu, so viel Seriosität muss sein. Kinder saßen neben ihren Idolen und kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus, die Augen glänzten vor Stolz und Bewunderung. Sagt mir liebe Bayernfans, wann haben die Augen eurer Kinder so geglänzt? Beim letzten Titel, der wie jedes Jahr die ganze Stadt in Extase versetzt? Oder bei den Fotos mit den Spielern – durch den Zaun?

Es geht hier nicht darum, irgendjemanden anzuprangern oder Borussia als Profimannschaft mit Dorfclubsympathie darzustellen. Auch Borussia ist ein Unternehmen, ein Teil des Geschäfts. Auch unsere Youngsters fahren mit dicken Autos die Hennes-Weisweiler-Allee entlang, auch unsere Spieler modeln teilweise oder schinden auf dem Platz mal einen Freistoß – so ist das Geschäft, wie es sich verändert und wie es die gesellschaftlichen Entwicklungen wiederspiegelt. Dagegen wird kein Verein etwas machen können. Aber um ehrlich zu sein, mir ist es fast schon egal welches Auto 20-Jährige fahren und ob sich Yann Sommer in seiner fußballfreien Zeit für Magazine und Hygienemarken ablichten lässt – solange sie beim Fanfest neben den kleinen Jungs und Mädels sitzen, sie in oder auf den Arm nehmen, mit ihnen fast schon freundschaftlich reden und ihre Augen zum Leuchten bringen.

 

5 Gedanken zu „Sagt mir liebe Bayernfans…

  • 13. August 2018 um 17:54
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    Bis auf den HAckbraten, den es nicht gab 😀 ein sehr geiler Artikel

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    • 14. August 2018 um 13:58
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      Lieber Thorsten, erst gab es noch Hähnchen, zum Schluss hin blieb dann noch etwas Hackbraten übrig! Vielen Dank trotzdem für dein Feedback 😀

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  • 15. August 2018 um 23:16
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    Es freut einen, so einen Artikel zu lesen. Schön, dass die Borussia doch noch zumindest etwas Familie lebt. Danke dafür an den Autor und die Beteiligten.

    Antwort
  • 16. August 2018 um 15:31
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    Träum weiter lieber Schreiberling. Diese „wir sind eine Familie“ -Masche ist perfektes Marketing. Und es scheint ja zu fruchten. Erinnert aber kolossal an „Echte Liebe“ der falschen Borussia.

    Antwort

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